Psychologie
07.12.2019

Psychiatrie: 12 Minuten Psychotherapie pro Woche?

Von Alexander Rubenbauer, Nürnberg
 

Wirft man einen Blick in die 30 Jahre alte Psychiatrie-Personalverordnung (Psych-PV), dann fällt auf, dass Psychotherapeuten in der Psychiatrie nicht vorgesehen sind.

Die Psych-PV sieht lediglich vor, dass sich ein Psychologe pro Patient und Woche in der allgemeinpsychiatrischen Regelbehandlung 29 Minuten, in der Intensivbehandlung 12 Minuten, in der Reha 110 Minuten, in der Langzeitbehandlung Schwer- und Mehrfachkranker 57 Minuten, in der „psychotherapeutischen“ Behandlung 107 Minuten und in der Tagesklinik 83 Minuten um die Patienten kümmert.

Häufig bedeutet das: Dokumentation und Bürokratie nehmen mehr Zeit in Anspruch als der zwischenmenschliche Kontakt mit den Klienten!

Künftig sind pro Patient und Woche in der allgemeinpsychiatrischen Regelbehandlung 49 Minuten, in der Intensivbehandlung 35 Minuten, in der Langzeitbehandlung Schwer- und Mehrfachkranker 75 Minuten, in der „psychotherapeutischen“ Behandlung weiterhin 107 Minuten, in der Tagesklinik ebenfalls 107 Minuten und in der Komplexbehandlung 132 Minuten vorgesehen.

Der dafür vorgesehene Personalschlüssel ist jedoch weiterhin viel zu gering! Darum:

 

22.11.2019

Reform der Psychotherapeutenausbildung beschlossen

Von Alexander Rubenbauer, Nürnberg
 

Das Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung in der Fassung vom 15.11.2019 (PDF) wurde am 22.11.2019 im Bundesgesetzblatt veröffentlicht und wird somit zum 01.09.2020 in Kraft treten, nachdem es vom Bundespräsidenten unterzeichnet wurde. Damit wird es das bisherige PsychThG ersetzen.

Der Bundesrat hatte der Reform am 08.11.2019 zugestimmt, nachdem der Bundestag den ursprünglichen Gesetzesentwurf der Bundesregierung am 26.09.2019 mit zahlreichen Änderungen beschlossen hat. Dabei wurde insbesondere die Anregung des Bundesrates übernommen, dass auch diejenigen, die ihre Weiterbildung zum Psychotherapeuten noch nach den auslaufenden Regelungen des PsychThG sowie der PsychTh-APrV absolvieren, während der so genannten „praktischen Tätigkeit“ (oftmals Psychiatriejahr genannt) mit mindestens 1.000 Euro monatlich zu vergüten sind.

Dies lässt jedoch noch immer unberücksichtigt, dass die Weiterbildung zum Psychotherapeuten einen Diplom- oder Masterabschluss in Psychologie voraussetzt, und die Psychologen während ihrer Weiterbildung zum Psychotherapeuten regelmäßig zumindest eine Teilzeitkraft ersetzen, die ansonsten regulär anzustellen gewesen wäre.

 

22.11.2019

Systemische Therapie wird Kassenleistung

Von Alexander Rubenbauer, Nürnberg
 

Neben der Verhaltenstherapie (VT), der analytischen Psychotherapie (PA) und der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie (TP) wird nun auch die Systemische Therapie (ST) ein Psychotherapieverfahren, das vom „Gemeinsamen Bundesausschuss“ (G-BA) sozialrechtlich anerkannt wurde. Das bedeutet, dass diese Therapieform künftig von approbierten Psychotherapeuten, welche die Fachkunde in diesem Verfahren haben, mit den gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) abgerechnet werden kann und entsprechend auch von den gesetzlich Versicherten zuzahlungsfrei in Anspruch genommen werden kann.

Die Anpassung der Psychotherapierichtlinie (PT-RL), in der Art und Umfang der gesetzlich abrechnungsfähigen Psychotherapieverfahren geregelt sind, hat ein Jahr gedauert. Am 22.11.2018 erkannte der G-BA den Nutzen der Systemischen Therapie an und veröffentlichte ein Jahr später, am 22.11.2019, den Entwurf der neuen Psychotherapierichtlinie. Dieser Beschluss wird nun dem Gesundheitsministerium (BMG) zur rechtlichen Prüfung vorgelegt und tritt bei Nichtbeanstandung mit seiner Veröffentlichung im Bundesanzeiger in Kraft.

Die wesentlichste Neuerung besteht darin, dass in der Systemischen Therapie ein „Mehrpersonensetting“ mit relevanten Bezugspersonen aus Familie oder sozialem Umfeld (nicht zu verwechseln mit einer Gruppentherapie) genutzt und aller Voraussicht nach auch entsprechend abgerechnet werden kann. Im ersten Bewilligungsschritt können 36 Sitzungen im Umfang von 50 Minuten in Anspruch genommen werden, was auf maximal 48 Sitzungen ausgedehnt werden kann.

Zum Vergleich: In der Verhaltenstherapie sind 60 bis maximal 80 Sitzungen abrechenbar, und in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie 60 bis maximal 100 Sitzungen. In der analytischen Therapie sind 160 bis maximal 300 Sitzungen möglich.

Die Systemische Therapie wurde bereits im Jahr 2008 durch den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) wissenschaftlich anerkannt. Wie lange die Prüfung durch das BMG in Anspruch nehmen wird ist nicht bekannt. Damit eine Abrechnung überhaupt möglich ist, müssen durch den Bewertungsausschuss (ein gemeinsames Gremium der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und des GKV-Spitzenverbandes) außerdem entsprechende Abrechnungsziffern (auch EBM-Ziffern genannt) geschaffen werden. Aufgrund des Mehrpersonensettings ist nicht nur das Entgelt für eine Sitzung in Systemischer Therapie zu diskutieren, sondern auch gestaffelte Modelle in Abhängigkeit von der Anzahl der in die Therapie einbezogenen Bezugspersonen. Die Schaffung der Abrechnungsziffern soll innerhalb der nächsten sechs Monate geschehen.

 

12.11.2019

Stellungnahme des PiA-Politik-Treffens zum PsychThGAusbRefG

Von Alexander Rubenbauer, Nürnberg
 

Der Gesetzgeber legitimiert die prekäre Situation des psychotherapeutischen Nachwuchses und führt sie fort.

[Psychologen in Weiterbildung zum Psychotherapeuten] werden weiterhin die Ausbildungskosten privat finanzieren müssen und eine unzureichende Bezahlung in allen Ausbildungsabschnitten erhalten. Zusätzlich sind sie immer noch nicht sozialrechtlich abgesichert und müssen diese Risiken selbst versichern. Auch das Problem der finanziellen Belastung durch das Schulgeld wurde durch den Gesetzgeber nicht angegangen. Die prekären Bedingungen wurden sogar gesetzlich festgeschrieben und damit legitimiert. Mit Entsetzen mussten wir feststellen, dass die prekäre Situation mit der Abschaffung der postgradualen Ausbildung nicht beendet wurde, sondern in der ambulanten Weiterbildung fortbestehen wird.

Die jetzigen Studierenden werden in den für die Ausbildung qualifizierenden Studiengängen weiterhin Sorge haben müssen, die Ausbildung überhaupt noch antreten zu können oder diese im vorgesehenen Zeitrahmen beenden zu können, da die Übergangsfrist zu knapp gesetzt ist und die Institute nicht verpflichtet werden, die Ausbildung über den gesamten Übergangszeitraum hin anzubieten. Geeignete Übertrittsmöglichkeiten aus den bisher anerkannten Studiengängen in die neuen Studiengänge sind nicht gesichert, insbesondere da eine Regelung zur Finanzierung von Nachqualifizierungskursen für den Übertritt fehlt. (…)

Der Gesetzgeber hat es verpasst, angemessene Regelungen für die Finanzierung der Aus- und Weiterbildung zu treffen. Die Bemühungen um eine Verbesserung der Situation erreichen ihr Ziel damit nicht. Nachbesserungen sind in unseren Augen zwingend notwendig, um angemessene Übergangs-, Aus- und Weiterbildungsbedingungen zu schaffen.

Die vollständige Stellungnahme findet sich beim PiA-Politik-Treffen.

 

18.10.2019

Stellungnahme der DPtV zum PsychThGAusbRefG

Von Alexander Rubenbauer, Nürnberg
 

Auch für die nach altem Recht ausgebildeten Psychotherapeuten ergeben sich mit dem Gesetz einige Neuerungen. Sie behalten ihre Berufsbezeichnung (PP/KJP) und erhalten die gleichen Rechte und Befugnisse wie die zukünftig nach neuem Recht ausgebildeten Psychotherapeuten. (…)

Für die zukünftig nach neuem Recht ausgebildeten Psychotherapeuten werden sich die Ausbildungsbedingungen durch das Gesetz strukturell ändern. Statt einer dem Studium folgenden postgradualen Ausbildung mit anschließender Approbationsprüfung werden zukünftig Staatsprüfung und Approbation direkt nach dem Psychotherapiestudium möglich sein. Die nachfolgende Weiterbildung ist notwendig zur Spezialisierung und zur Eintragung in das Arztregister: „Fachkunde“ wird ersetzt durch „Abschluss der Weiterbildung“. Die Studieninhalte werden durch die neue Approbationsordnung konkretisiert. Die Inhalte der Weiterbildung werden durch die (Muster-)Weiterbildungsordnung beschrieben, die vom Berufsstand (den Psychotherapeutenkammern) erarbeitet wird. Die Weiterbildung schließt dann mit einer Prüfung durch die jeweilige Landespsychotherapeutenkammer ab.

Erst kurz vor dem Parlamentsbeschluss konnten noch Verbesserungen für Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) erreicht werden: Alle, die sich derzeit und für die Übergangszeit bis 2032 in der “alten“ Ausbildung zum PP bzw. KJP befinden, erhalten durch das neue Gesetz für die praktische Tätigkeit eine Vergütung von mindestens 1.000 Euro im Monat. Viele Detailfragen werden vom Gesetz offen gelassen und sind zeitnah zu klären. Das Gesetz regelt zudem, dass die PiA in der praktischen Ausbildung einen Mindestanteil von 40 Prozent an den Vergütungen der Ausbildungstherapien erhalten. Für Härtefälle ist eine Übergangszeit bis 2035 möglich. Ein gesichertes Einkommen für die praktische Tätigkeit der PiA war längst überfällig. Allerdings entspricht die Höhe der Vergütung bei weitem nicht der ausgeübten Tätigkeit, hier sollte nachgebessert werden.

Die gegenwärtigen Ausbildungsambulanzen erhalten einen Bestandsschutz; neue Ambulanzen, insbesondere für Systemische Therapie, können bei Bedarf ermächtigt werden. (…)

Für die zukünftigen PiW wurde ein Mindestanteil von 40 Prozent an der Vergütung der Psychotherapien bestimmt. Allerdings wurde nicht berücksichtigt, dass davon noch kein Tarifgehalt finanziert werden kann. Unsere Forderung nach einer im Sozialgesetzbuch V (SGB V) verankerten Förderung der Weiterbildung wurde bisher nicht aufgenommen. Wie sich auch im ärztlichen Bereich zeigt, ist das Vorhalten von notwendigen Weiterbildungsstrukturen und die Finanzierung der angemessenen Vergütung der Weiterbildungsteilnehmer nur mit zusätzlicher finanzieller Förderung realisierbar.

Die vollständige Stellungnahme findet sich bei der DPtV.

 

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