Psychologie
29.11.2020

Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus

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Angelika Grubner zufolge würden Menschen im neoliberalen System selbst für ihre (mehr oder weniger prekäre) Situation verantwortlich gemacht. Zweitens werde jegliche menschliche Problematik mittlerweile als psychisch interpretiert. Drittens habe sich die Psychotherapie als Anlaufstelle für die Lösung all dieser Probleme etabliert. Und dass der zunehmende Bedarf nach Therapie in einem direkten Zusammenhang mit dem neoliberalen Gesellschaftssystem steht werde schließlich tabuisiert.

Der Kontext, in dem Menschen aufwachsen, sich entwickeln und leben, wird bei dieser individualisierten Sicht auf Probleme ignoriert. Die Möglichkeit, dass sich auch der Kontext ändern lässt – reduzierte Arbeitszeit, ein anderer Arbeitsplatz, ein individualisierter Unterricht in der Schule, etc. – wird ausgeblendet. (…)

Geht es bei der psychotherapeutischen Behandlung primär um die Wiederherstellung der Funktionalität, zum Beispiel der Arbeitsfähigkeit, oder geht es in erster Linie um die Senkung des Leidensdruckes? Ethisch korrekt wäre die Priorisierung der Herstellung von subjektivem Wohlbefinden. Doch im Neoliberalismus wird weniger auf den Leidensdruck als auf die Funktionalität geblickt. Ob eine Person zum Beispiel unter ihrer Arbeit oder auf der Schulbank leidet ist zunächst zweitrangig. Wichtig ist, dass sie funktioniert, also anwesend ist und ihr Soll erfüllt. (…)

Menschen müssten sich demnach vor allem an ihrer Marktfähigkeit messen lassen. Für sein Scheitern schließlich ist jeder immer selbst verantwortlich. Menschen seien so zu einer permanenten Selbstoptimierung angehalten, in der das Selbst ausschlaggebend für ein gelingendes Leben ist. Angelika Grubner bezeichnet dies als „lebenslangen Arbeitseinsatz mit und an sich selbst“.

In diesem Klima der neoliberalen Subjektivierung werden Menschen, die diese Zustände nicht leben können oder nicht leben wollen, mit staatlichen Sanktionen überzogen. (…)

Die Vielfalt therapeutischer Angebote würde einen Sog entwickeln, sich als verbesserungsbedürftig und -fähig zu sehen, und darum Optimierung mittels Psychotherapie anzugehen. Die Psychotherapie arbeite dabei dem System eher zu, anstatt es im Sinne ihrer Klientinnen zu hinterfragen. Abweichungen würden als behandlungsfähig eingestuft. Eine Krise, ein Problem, eine psychische Erkrankung würden als persönliches Versagen betrachtet – und nicht als Produkt eines unpassenden Kontextes. (…)

Das „Heer der Burnoutkranken“ lasse sich letztlich als Widerstand gegen das kapitalistische System lesen.

(Artikel von Felix Peter lesen, Buch von Angelika Grubner kaufen: buch24.de, buecher.de)

 

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