Persönlichkeitsentwicklung
14.06.2014

Kurz notiert: Epikurs Glücksvorstellungen

Von Alexander Rubenbauer, Nürnberg
 

Was ist Glück?

(Es geht nicht um Glück als Schicksal, sondern um den Teil, den man selbst gestalten kann. Die alten Griechen waren sich auch nicht einig, ob Askese oder Hedonismus zum Glück führt.)

Wahres Glück (Eudaimonia) muss schicksalsunabhängig erstrebt werden, und es verlangt eine bewusst und kluge Lebensführung, die über vergängliche Glücksgefühle, beruflichen Erfolg und Reichtum hinausgeht, denn diese Basis wäre zu instabil. Auch wäre ein Leben nur deswegen noch nicht gelungen zu nennen, dazu bedarf es auch noch dem Ich und dem Anderen, Freundschaft, etc.

Seneca meinte: Glücklich sein will jeder, aber wenn es darum geht wie sie das Glücklichsein erreichen können ist ihr Blick getrübt. Warum ist der Blick getrübt? Weil der Mensch sich oft von Affekten (unkontrollierte Gefühle, Triebe) leiten lässt und so auf seinem Lebensweg herumirrt.

Die Glücksphilosophien wollen den Blick schärfen und vor Irrwegen bewahren. Letztlich muss seinen Weg aber jeder selbst finden.

Was ist Glück für Epikur?

Glück ist für Epikur innerer Friede. Epikurs praxisbezogene Lebenshilfe wollte dem Menschen die Ängste nehmen, die ihn an einem unbeschwerten Leben hinderten.

Aristipp begründete den Hedonismus (leiblich-sinnlicher Genuss bzw. Vergnügen als Sinn bzw. Ziel des menschlichen Handelns).

Grund: Statt Leid strebt der Mensch immer Zufriedenheit/Freude/Glück an.

Für Epikur ist die einzig verlässliche Quelle der Erkenntnis die sinnliche Wahrnehmung. Er hat also ein starkes Ursache-Wirkung-Denken (basierend auf Erfahrungstatsachen).

Die Moral ist demnach (im Gegensatz zu Platon, Aristoteles) dem Menschen anzupassen und nicht umgekehrt.

Subjektive Bedürfnisbefriedigung ist der letzte Maßstab, an dem das individuelle Glück auszurichten ist.

Das Glück des Menschen sieht Epikur nicht im gesellschaftlichen Engagement (im Gegensatz zu Aristoteles’ zoon politikon, Gemeinschaftswesen), sondern in der Zurückgezogenheit (Introversion). Dennoch bedarf es natürlich für die Freude am Dasein auch der Freundschaft (gute Beziehungen; für ein Gefühl der Sicherheit/Geborgenheit und damit Lust).

Eine weitere Voraussetzung ist aber die „rechte Einstellung“ zu den Göttern und zum Tod:

Epikur zeigt zunächst auf, dass derjenige nach Glück sucht, der noch dabei ist, Angst und Furcht zu überwinden.

Zur Angst vorm Tod: „Gut“ und „schlimm/schlecht“ beruht auf der Wahrnehmung („Bewertung“). Mit dem Tod gibt es diese nicht mehr. Ich muss mich wenn ich tot bin also nicht länger über den Tod grämen, und solange ich lebe, auch nicht, denn dann bin ich ja nicht tot. Das heißt der Tod ist nicht schlimm, wenn er da ist, und solange er nicht da ist, kann er nicht schlimm sein, sondern höchstens das Denken an ihn (man soll also lieber genießen gehen statt sich Unsterblichkeit zu wünschen).

Genauso wie man sich von nicht zielführenden, unrealistischen Vorstellungen wie der Unsterblichkeit lösen soll, soll man auch seine Einstellung gegenüber den Bedürfnissen verändern:

Epikurs Lust-Schmerz-Kalkül (richtiges Wählen/Meiden von Bedürfnissen/Wünschen)

Es gibt natürliche (also essentielle) und nichtige (entbehrliche) Bedürfnisse/Begierden/Wünsche. (Ich würde das abkürzen und sagen: Es gibt echte Bedürfnisse und es gibt Wünsche.) Die echten Bedürfnisse (Elementarbedürfnisse) sind entscheidend für Gesundheit des Körpers und Beruhigtheit der Seele.

Konkret versteht Epikur unter Lust weder Schmerz im Körper noch Beunruhigung in der Seele zu empfinden:

„Wir halten die Selbstgenügsamkeit für ein hohes Gut. Nicht, um uns in jedem Falle mit Wenigem zu begnügen, sondern damit wir, wenn wir das Viele nicht haben, mit dem Wenigen auskommen, in der echten Überzeugung, dass jene den Überfluss am süßesten genießen, die seiner am wenigsten bedürfen, und dass alles Naturgemäße leicht, das Sinnlose aber schwer zu beschaffen ist, und dass auch Wasser und Brot die höchste Lust verschaffen, wenn sie einer aus Bedürfnis zu sich nimmt.“

Epikurs Hedonistisches Kalkül

Wenn dadurch später noch größere Lust/Freude entsteht soll man auf die augenblickliche Lust verzichten (Tauschgeschäft, Investitionsprinzip).

Weise ist demnach, wer durch das Verwerfen bestimmter Lustarten andere größere erlangt oder durch das Erdulden bestimmter „Schmerzen“ schlimmere Schmerzen vermeidet.

Wer jeder Lust immer nachgibt und nie an die Folgen denkt wäre verweichlicht, leicht verführbar und damit unvernünftig.

Epikur geht hier einen sehr vernünftigen Weg der Mitte (vgl. Edler Achtfacher Pfad im Buddhismus sowie Mesotes-Lehre bei Aristoteles).

Tugend bei Epikur

Tugenden sind für Epikur nur Mittel zum Zweck. Grund: „Wer würde sie für erstrebenswert halten, wenn sie nicht auch Lust erzeugen würden?“

Warum darf die Weisheit nicht auch um der Lust willen erstrebenswert sein? Warum muss sie um ihrer selbst willen, „rein“ sein?

Die Selbstzucht (Selbstdisziplin) ist ja auch nicht um ihrer selbst willen erstrebenswert, sondern weil sie der Beruhigung der Seele dient.

Denn Weisheit, Disziplin, Tapferkeit, Gerechtigkeit, also die Tugenden, schaden nicht nur niemals, sondern sie führen auch immer zur Beruhigung der Seele und damit zu Lust (während Ausschweifung, Feigheit, Ungerechtigkeit die Seele quälen/beunruhigen).

Glücklich ist also nach Epikur …

… wer den Tod nicht fürchtet, Elementarbedürfnissen den Vorzug gibt, Wünsche als optional ansieht, Bedürfnisaufschub betreiben kann (hedonistisches Kalkül) und im Augenblick lebt. Dies führt zusammengenommen zur Ataraxia (Seelenruhe).

Was hilft nach Epikur um im Augenblick zu leben?

Unbekanntes verständlich machen und damit Beunruhigendes ausschalten, Unerreichbares als irrelevant betrachten, Unvermeidbares hinnehmen, Jagd nach Lustgewinn vermeiden. Nicht an Vergangenem und der Zukunft hängen.

Kurz: Sich von den alltäglichen Beeinträchtigungen des Lebens innerlich distanzieren, um ihnen so beizukommen, über den Dingen stehen, und in der Gegenwart wahre Lust/Glück empfinden (führt zu Ruhe, Gelassenheit, Seelenfrieden).

 

13.10.2013

Der Storch, der sich nicht fliegen traute

Von Alexander Rubenbauer, Nürnberg
 

Es saß einmal eine Storchenfamilie in ihrem Nest, hoch droben. Vater und Mutter zogen drei Storchenkinder auf, sie hegten sie und pflegten sie und versorgten sie mit Nahrung. Den Storchenkindern hat es an nichts gefehlt, sie fühlten sich wohl.

Eines Tages war es dann soweit. Zwei der Storchenkinder gingen mit ihrem Vater an den Rand ihres Nestes und er machte ihnen vor, wie man abspringt und sogleich mit den Flügeln zu schlagen beginnt. Das war zweifellos der aufregendste Moment im Leben eines Storches, der noch nie selbst geflogen ist. Natürlich weiß er, dass er auch ein Storch ist, der mit den Flügeln schlagen kann wie alle anderen auch, aber ob seine Flügel auch tatsächlich so funktionieren wie sie sollen und ob er tatsächlich fliegen kann, das weiß er nicht, er kann es nur hoffen.

So sprang also zuerst der eine kleine Storch und dann der andere. Beide waren sie sehr zögerlich und begannen, als sie sich überwunden haben und sprangen, unvermittelt wie wild mit den Flügeln zu schlagen, und schon nach wenigen Flügelschlägen merkten sie, wie es funktioniert und begannen, die neu gewonnene Freiheit zu genießen.

Sie waren nicht länger auf die 50 Zentimeter beschränkt, die ihnen ihr Nest bot, nun konnten sie hin, wo immer sie wollten, neue Orte entdecken, Freundschaften schließen und ihr eigenes Futter holen, ohne auf ihre Eltern oder andere Störche angewiesen zu sein.

Der dritte Storch aber traute sich nicht. Natürlich sah er, dass die anderen beiden Störche auch fliegen konnten und er sich bestimmt nicht allzusehr von ihnen unterscheidet, aber er brachte es nicht übers Herz, das Risiko einzugehen, dass sein Flügelschlagen keine Wirkung zeigen und er abstürzen würde.

Und so wurde er immer älter. Wochen, Monate und Jahre vergingen, in denen er noch immer darauf angewiesen war, dass seine Eltern und seine Geschwister ihm Nahrung bringen, weil er nicht selbst losfliegen wollte.

Er stellte sich immer wieder vor, wie es wohl sei, zu fliegen, und was er alles tun könnte, würde er doch nur den ersten Schritt über die Schwelle machen und sich einfach hinabstürzen, loslassen, und einfach sehen, was passiert. Wahrscheinlich würde er unweigerlich anfangen, mit den Flügeln zu schlagen, wie all die anderen Störche vor ihm, und er wäre endlich frei, frei zu fliegen wohin er will und die Welt zu genießen. Er hatte es satt, immer nur diesen einen kleinen Ausschnitt aus seiner Umgebung zu sehen, nie weg zu können, aber er traute sich einfach nicht. Er war wie gelähmt.

Eines Tages aber kam seine Familie nicht mehr von einem ihrer vielen Ausflüge zurück, die sie gemeinsam unternommen hatten, ohne ihn. Er wartete, machte sich erst ein bisschen Sorgen, und als er merkte, dass seine Familie wohl tatsächlich nicht mehr wiederkam, wurde er immer verzweifelter. Neben dem Appetit nach Freiheit, den er schon seit Jahren nicht gestillt hatte, kam nun auch noch echter Hunger hinzu, denn es kam auch nach Tagen niemand, der ihm Nahrung brachte. Was sollte er tun?

Er befürchtete das Schlimmste. Vielleicht ist seine Familie verunglückt. Er musste sehen, wo sie waren, und er brauchte Nahrung, denn sonst würde er ohnehin sterben. Aber dazu musste er fliegen. Es blieb ihm kein anderer Ausweg.

Und so ging er an den Rand des Nestes, sein Herz pochte wie wild, er war so angespannt wie noch nie und hatte panische Angst. Doch es half nichts, seine letzte Chance, seine Familie und sich selbst zu retten, bestand darin, zu springen. Er hatte nichts mehr zu verlieren, und so sprang er.

Panisch schlug er mit den Flügeln und dachte, das wird doch nichts, ich kann nicht fliegen, gleich werde ich auf dem Erdboden zerschellen. Aber schon nach wenigen Schlägen merkte er, dass er nicht mehr weiter nach unten fiel, sondern immer stabiler wurde. Und so schlug er einfach weiter mit den Flügeln, und schlug, und schlug, und plötzlich merkte er: Ich fliege! Ich kann fliegen! Und es geht so einfach! Nur auf und ab, auf und ab!

Er flog und genoss, wie die warme Luft seinen Bauch umschmeichelte, wie sein Federkleid durch den Wind glitt und welche tollen Perspektiven er entdeckte. Er sah Orte, so bunt und schön wie nie zuvor. Er war überglücklich und stolz und träumte vor sich hin und fragte sich warum er sich diesen unglaublichen Genuss so lange selbst versagt hatte, als ihm wieder einfiel, weshalb er eigentlich losgeflogen ist, und so schlug er wieder fester mit den Flügeln und flog nicht weit in die Richtung, in die seine Familie einige Tage zuvor geflogen ist, als er plötzlich in der Ferne andere Störche sah.

Er flog auf sie zu, um sie um Hilfe zu bitten, da kamen sie ihm schon entgegen. Es war seine Familie, völlig wohlauf und guter Laune, die nichts weiter wollte, als ihm einen kleinen Stubs zu geben, das Fliegen zu lernen, das Fliegen, das ihm so viel Freude machte und das er so sehr genoss.

Und das Einzige, was ihn davon trennte, war ein kleiner Schritt über die Schwelle.

 

26.09.2013

Die vierzehn Achtsamkeitsübungen

Von
 

Die erste Übung der Achtsamkeit: Offenheit

Im Bewusstsein des Leides, das durch Fanatismus und Intoleranz entsteht, sind wir entschlossen, Lehrmeinungen, Theorien oder Ideologien, einschließlich der buddhistischen, nicht zu vergöttern und uns nicht an sie zu binden. Buddhistische Lehren sind Hilfsmittel, die es uns ermöglichen, durch tiefes Schauen Verstehen und Mitgefühl zu entwickeln. Sie sind keine Dogmen, für die gekämpft, getötet oder gestorben werden sollte.

Die zweite Übung der Achtsamkeit: Nicht-Haften an Ansichten

Im Bewusstsein des Leides, das durch das Festhalten an Ansichten und falschen Wahrnehmungen entsteht, sind wir entschlossen, Engstirnigkeit zu vermeiden und uns nicht an unsere gegenwärtigen Ansichten zu binden. Wir wollen das Nicht-Haften an Ansichten üben, um für die Erkenntnisse und Erfahrungen anderer offen zu sein. Wir sind uns bewusst, dass unser derzeitiges Wissen keine unveränderliche, absolute Wahrheit ist. Da sich Wahrheit nur im Leben selbst findet, wollen wir in jedem Augenblick das Leben in uns und um uns herum achtsam wahrnehmen und bereit sein, ein Leben lang zu lernen.

Die dritte Übung der Achtsamkeit: Freiheit des Denkens

Im Bewusstsein des Leides, das durch Aufzwingen von Meinungen entsteht, sind wir entschlossen, niemandem – auch nicht Kindern – unsere Meinungen aufzunötigen, weder durch Autorität, Drohung, Geld, Propaganda, noch Indoktrination. Wir wollen das Recht anderer respektieren, anders zu sein und selbst zu wählen, an was sie glauben und wofür sie sich entscheiden. Wir wollen jedoch unseren Mitmenschen in anteilnehmendem Gespräch helfen, Fanatismus und Engstirnigkeit zu überwinden.

Die vierte Übung der Achtsamkeit: Bewusstheit für das Leiden

Im Bewusstsein, dass es uns helfen kann, Mitgefühl zu entwickeln und Wege zur Überwindung des Leidens zu finden, wenn wir tief in die Natur des Leidens schauen, sind wir entschlossen, dem Leiden nicht aus dem Weg zu gehen oder die Augen davor zu verschließen. Wir verpflichten uns, Kontakt mit denen zu suchen, die leiden. Auf diese Weise erlangen wir tiefes Verständnis für ihre Situation und verhelfen ihnen dazu, ihr Leiden in Mitgefühl, Frieden und Freude zu verwandeln.

Die fünfte Übung der Achtsamkeit: Gesund und einfach leben

Im Bewusstsein, dass wahres Glück in Frieden, Festigkeit, Freiheit und Mitgefühl wurzelt, nicht aber in Reichtum und Ruhm, sind wir entschlossen, unser Leben nicht auf Ruhm, Profit, Reichtum oder sinnliches Vergnügen auszurichten und auch keine Reichtümer anzuhäufen, solange Millionen hungern und sterben. Wir verpflichten uns, ein einfaches Leben zu führen und unsere Zeit, Energie und materiellen Mittel mit denen zu teilen, die in Not sind. Wir üben uns darin, achtsam zu essen, zu trinken und zu konsumieren und auf Alkohol, Drogen und andere Mittel zu verzichten, die uns und unserer Gesellschaft körperlich und geistig schaden können.

Die sechste Übung der Achtsamkeit: Mit Ärger umgehen

Im Bewusstsein des Leides, das durch Hass und Ärger entsteht, sind wir entschlossen, die Energie des aufsteigenden Ärgers achtsam wahrzunehmen, um seine in den Tiefen unseres Bewusstseins liegenden Samen zu erkennen und zu verwandeln. Wenn Ärger in uns aufkommt, wollen wir nichts tun oder sagen, sondern achtsames Atmen oder achtsames Gehen praktizieren und ihn annehmen, ihn mit unserer Achtsamkeit umarmen und tief in ihn hineinschauen. Wir wollen lernen, diejenigen, die wir für die Verursacher unseres Ärgers halten, mit mitfühlenden Augen zu sehen.

Die siebte Übung der Achtsamkeit: Glücklich im gegenwärtigen Augenblick verweilen

Im Bewusstsein, dass Leben nur im gegenwärtigen Augenblick stattfindet und dass es nur im Hier und Jetzt möglich ist, glücklich zu leben, verpflichten wir uns zu der Übung, jeden Augenblick des täglichen Lebens in tiefer Bewusstheit zu leben. Wir wollen versuchen, uns nicht in Zerstreuungen, im Bedauern über die Vergangenheit oder in Sorgen über die Zukunft zu verlieren. Wir wollen uns in der Gegenwart nicht von Begehrlichkeiten, Ärger oder Eifersucht gefangen nehmen lassen. Wir wollen achtsames Atmen üben, um zu dem zurückzukehren, was im gegenwärtigen Augenblick geschieht. Wir sind entschlossen, die Kunst des achtsamen Lebens zu erlernen, indem wir die wunderbaren, erfrischenden und heilenden Kräfte berühren, die wir in uns und um uns herum vorfinden. Indem wir den Samen der Freude, des Friedens, der Liebe und des Verstehens in uns Nahrung geben, fördern wir den Prozess der Transformation und Heilung in unserem Bewusstsein.

Die achte Übung der Achtsamkeit: Gemeinschaft und Kommunikation

Im Bewusstsein, dass ein Mangel an Kommunikation stets Trennung bewirkt und Leiden schafft, verpflichten wir uns, mitfühlendes Zuhören und liebevolle Rede zu üben. Wir wollen lernen, tief zuzuhören, ohne zu bewerten oder zu reagieren und es unterlassen, Worte zu äußern, die Zwietracht säen oder zu einem Bruch in der Gemeinschaft führen können. Wir wollen keine Anstrengung scheuen, um die Kommunikation aufrechtzuerhalten, zu versöhnen und Konflikte zu lösen, so klein sie auch sein mögen.

Die neunte Übung der Achtsamkeit: Wahrhafte und rechte Rede

Im Bewusstsein, dass Worte sowohl Leid als auch Glück hervorrufen können, wollen wir wahrhaftig und aufbauend reden lernen und nur so sprechen, dass Hoffnung und Vertrauen geweckt werden. Wir sind entschlossen, nichts Unwahres zu sagen, weder aus Eigeninteresse, noch um andere zu beeindrucken. Wir wollen keine Nachrichten verbreiten, für deren Wahrheitsgehalt wir uns nicht verbürgen können und nichts kritisieren oder missbilligen, worüber wir nichts Genaues wissen. Wir wollen unser Bestes tun, Unrecht beim Namen zu nennen, selbst dann, wenn wir dadurch unsere eigene Sicherheit gefährden.

Die zehnte Übung der Achtsamkeit: Die Sangha schützen

Im Bewusstsein, dass die Übung des Verstehens und Mitfühlens Sinn und Ziel einer Sangha1 ist, sind wir entschlossen, die Gemeinschaft weder zum Zwecke persönlichen Vorteils oder Gewinns zu benutzen, noch sie in ein politisches Instrument zu verwandeln. Eine spirituelle Gemeinschaft sollte jedoch deutlich Stellung beziehen gegen Unterdrückung und Unrecht und bemüht sein, entsprechende Zustände zu verändern, ohne sich in parteiliche Konflikte verstricken zu lassen.

Die elfte Übung der Achtsamkeit: Rechter Lebenserwerb

Im Bewusstsein, dass unserer Umwelt und Gesellschaft Gewalt und großes Unrecht angetan worden ist, sind wir entschlossen, in unserem Lebenserwerb den Menschen und der Natur nicht zu schaden. Wir wollen unser Bestes tun und eine Lebensweise wählen, die dazu beiträgt, unser Ideal von Verstehen und Mitgefühl zu verwirklichen. In Kenntnis der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Wirklichkeiten unserer Welt wollen wir uns als Konsumentinnen und Konsumenten und Bürgerinnen und Bürger verantwortungsbewusst verhalten und nicht in Unternehmen investieren, die andere ihrer Lebensmöglichkeiten berauben.

Die zwölfte Übung der Achtsamkeit: Ehrfurcht vor dem Leben

Im Bewusstsein, dass Kriege und Konflikte großes Leid verursachen, sind wir entschlossen, in unserem täglichen Leben Gewaltlosigkeit, Verstehen und Mitgefühl zu entwickeln. Wir wollen innerhalb von Familie, Gesellschaft, Staat und in der Welt zur Erziehung zum Frieden beitragen, bei Streitigkeiten in Achtsamkeit vermittelnd eingreifen und Versöhnung fördern. Wir sind entschlossen, nicht zu töten und es nicht zuzulassen, dass andere töten. Zusammen mit unserer Sangha wollen wir uns im tiefen Schauen üben, um bessere Wege zum Schutz des Lebens und zur Verhinderung von Kriegen zu finden.

Die dreizehnte Übung der Achtsamkeit: Freigiebigkeit

Im Bewusstsein, dass durch Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit, Diebstahl und Unterdrückung Leiden entsteht, verpflichten wir uns, liebende Güte zu pflegen und Wege zu beschreiten, die zum Wohlergehen von Menschen, Tieren, Pflanzen und Mineralien beitragen. Wir wollen Freigebigkeit praktizieren, indem wir unsere Zeit, Energie und materiellen Güter mit den teilen, die in Not sind. Wir sind entschlossen, nicht zu stehlen und nichts zu besitzen, was anderen zusteht. Wir wollen das Eigentum anderer achten und werden andere davon abhalten, sich an menschlichem Leiden und am Leiden anderer Wesen zu bereichern.

Die vierzehnte Übung der Achtsamkeit für Laienübende: Rechte Lebensführung

Im Bewusstsein, dass eine sexuelle Beziehung, die allein auf Begierde beruht, das Gefühl der Einsamkeit nicht auflöst, sondern noch mehr Leiden, Frustration und Einsamkeit hervorruft, sind wir entschlossen, eine sexuelle Beziehung nur auf der Basis von Liebe, gegenseitigem Verstehen und der Bereitschaft zu einer langfristigen und verpflichtenden Bindung einzugehen. Wir sind uns bewusst, dass eine sexuelle Beziehung die Ursache für künftiges Leid sein kann. Wir wissen, dass wir unsere eigenen und die Rechte und Verpflichtungen anderer respektieren müssen, wenn wir unser eigenes und das Glück anderer bewahren wollen. Wir wollen alles tun, was in unserer Macht steht, um Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen und um zu verhindern, dass Paare und Familien durch sexuelles Fehlverhalten entzweit werden. Wir wollen unseren Körper rücksichtsvoll behandeln und unsere Lebensenergien (die sexuelle Energie, den Atem, den Geist) der Verwirklichung unseres Bodhisattva-Ideals2 widmen. Wir wollen uns der Verantwortung voll bewusst sein, die mit dem Entstehen neuen Lebens verbunden ist und über die Welt meditieren, in die die neuen Wesen hineingeboren werden.

1 Sangha: Versammlung, Schar, Gemeinschaft

2 Bodhisattva: Ein nach höchster Erkenntnis strebendes Wesen, das auf dem Wege der “Tugendvollkommenheit” die “Buddhaschaft” anstrebt bzw. in sich selbst realisiert, um sie zum Heil aller lebenden Wesen einzusetzen.

 

16.05.2013

Jede Medaille hat zwei Seiten

Von Alexander Rubenbauer, Nürnberg
 

Manche beschweren sich darüber, dass man früher sein Leben lang in einem Beruf bleiben konnte und das sogar in der selben Firma. Heute dagegen “müsse” man mehrfach seine Berufe, seine Arbeitgeber und seine Wohnorte wechseln. Bei letzterem stimme ich zu, dass das problematisch sein kann, und ich sehe auch den Vorteil der Stabilität.

Ich sehe aber auch den Vorteil, dass man ganz neue Perspektiven haben kann, dass man nicht mehr komisch angesehen wird, wenn man gerne mehrere unterschiedliche Berufe in seinem Leben ausgeführt haben will, und in diesem “Chaos” haben dann auch Quereinsteiger bessere Chancen als früher.

Hier lässt sich meiner Meinung nach ein grundsätzliches Lebensprinzip ableiten: Genießt man Vorteil A, muss man gleichzeitig Nachteil B hinnehmen. Ist wiederum gerade Vorteil C an der Reihe, wird man Nachteil D akzeptieren müssen.

Ist man beispielsweise in einer Partnerschaft gebunden, kommt die Nähe und Wärme mit dem Nachteil der Verantwortung und Abstrichen bei der Freiheit. Ist man alleine, genießt man endlose Freiheit, mit dem Nachteil, keinen so engen Vertrauten zu haben.

Es ist nie alles schwarz oder weiß. Alles hat seine Vor- und Nachteile. Und jeder Vorteil bringt einen anderen Nachteil mit sich und umgekehrt.

 

09.05.2013

Sich selbst etikettieren

Von Alexander Rubenbauer, Nürnberg
 

Jeder hat manchmal Ängste, im einen Bereich weniger, im anderen mehr. Ängste dienen dazu, sich vor Gefahren zu schützen. Die Gefahren können ganz real sein, wenn man aber die Ängste erst einmal gelernt hat, treten sie auch auf, wenn die Gefahren längst nicht mehr bestehen oder zumindest nicht mehr in dem Ausmaß.

Man kann Symptome, die einem zeigen, dass etwas nicht stimmt, dass es da einen inneren Konflikt gibt, bestimmt auch irgendwas zuordnen, zum Beispiel einer bestimmten Angststörung, und dann denken, man sei eben so. Um diese Symptome und die Angst loszuwerden, kann man versuchen, die Angst zu konfrontieren, und Dinge tun, die man gar nicht tun will, einfach weil man denkt, dass man sie wollen würde, wäre die Angst nicht da, oder was auch immer einen persönlich plagt.

Und genau hier liegt die Gefahr von Etiketten: Man beginnt zu glauben, man sei so, wie es das Etikett vorgibt, und man müsste sich demnach so verhalten. Wer sich aber zu sehr in das Etikett “versteift”, geht davon aus, dass jedes Symptom seine Ursache zum Beispiel in der Angst hat, und vergisst dabei zu differenzieren, ob es sich vielleicht um simple Unlust handelt, die die Symptome hervorruft.

Wer bestimmte Dinge nicht tut, weil er Angst vor ihnen hat, neigt dazu, zu glauben, dass er, sobald er die Angst überwunden hat, alles tun könne und bestimmt auch wollen würde, was er jetzt nicht kann. Das ist aber ein Irrtum. Viele Dinge kann man auch ohne Angst nicht, und muss sie erst lernen, ganz wenige Dinge kann man vielleicht auch ohne Angst niemals lernen, und auf die meiste Dinge hat man überhaupt keine Lust, obwohl man keine Angst vor ihnen hat.

Es gibt Menschen, die können in keinen Bus einsteigen, weil sie Angst davor haben. Aber bedeutet das, dass deshalb jeder, der keine Angst davor hat, die ganze Zeit mit Bussen hin und herfährt, einfach weil er es theoretisch könnte? Natürlich nicht.

Selbstetikettierung macht mehr Schaden als Nutzen, denn sie setzt einen unter einen gewissen Druck, sich entsprechend der Eigenschaften, die einem das Etikett zuschreibt, verhalten zu müssen. Aber die Welt ist nicht schwarz oder weiß.

Selbstetikettierung kann helfen, wenn man etwas an sich selbst nicht versteht, weil man anhand der Aufschrift des Etiketts recherchieren kann, woher etwas kommen kann und welche Folgen das typischerweise hat, oder wenn man sich unbedingt einer Gruppe Gleichgesinnter zuordnen möchte. Man kann also ein Etikett nachschlagen und lernt einiges über sich.

Selbstetikettierung schadet aber, wenn man glaubt, deshalb exakt so sein und sich dementsprechend verhalten zu müssen, wie es das Etikett vermeintlich vorschreibt.

 

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